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Sibelius’ 1892 uraufgeführte Sinfonie „Kullervo“ op. 7 für großes Orchester, Männerchor, Mezzosopran und Bariton ist ein künstlerisches Monument der Kultur einer „neuen Aufrichtigkeit“. Sie wird selten gespielt, jetzt aber wieder im Konzerthaus Berlin.

In der Kneipe „Zum Schwarzen Ferkel“, Wilhelmstraße, Ecke Unter den Linden, trafen sich zur Kaiserzeit die Nordeuropäer Berlins, Künstler wie August Strindberg und Edvard Munch. Sie soffen, tauschten die Frauen und redeten nur über das Eine: dass Sex eine Macht und ein Verhängnis sei, denen Mann nicht entkommen könne und dass die Zivilisation mit der Ehe eine widernatürliche Institution geschaffen habe. Mit am Tisch saß Adolf Paul und hielt seinen finnischen Freund Jean Sibelius, einen Ex-Berliner, brieflich über die neuesten Trends der Meinungsführer auf dem Laufenden.

Sibelius hatte gerade Aino Järnefelt geheiratet und sie in der Verlobungszeit brieflich über seine Erfahrungen mit Berliner und Wiener Prostituierten unterrichtet, ihr „unanständige“ Briefe geschrieben und ebensolche von ihr erbeten, gleichsam als Handreichung zum Fernverkehr (ein Brauch, der sich bei reisebedingten Trennungen in den Ehejahren fortsetzte). Schließlich stammte Fräulein Järnefelt aus einer Familie finnischer Tolstoi-Anhänger. Und der große Lew Nikolajewitsch hatte gerade in seiner Novelle „Kreutzersonate“ behauptet, Liebe sei eine Lüge, hinter welcher nur „das Bedürfnis des Fleisches nach Verkehr“ stehe.

Künstlerisches Monument dieser Kultur einer „neuen Aufrichtigkeit“ ist Sibelius’ 1892 uraufgeführte Sinfonie „Kullervo“ op. 7 für großes Orchester, Männerchor, Mezzosopran und Bariton. Es folgt zwar dem Text des finnischen Nationalepos „Kalevala“, ist aber nichts weniger als ein nationalromantisches Werk. Hier wird in archaischem Gewand von der vorzivilisatorischen Kraft der Sexualität erzählt, als klangliches Gegenstück zu Edvard Munchs Bildern mit nackten Frauen, von Samenfäden umschwärmt.

ER WILL SEX, SIE WILL GELD

Die Geschichte ist einfach: Kullervo, verwahrlost aufgewachsen, trifft auf ein Mädchen und verführt es mit Geschenken − er will Sex, sie will Geld − zur Paarung. Hinterher stellen sie fest, dass sie Geschwister sind. Daraufhin ertränkt sie sich, er ersticht sich. So grausam das klingt − geschildert wird es in einer berauschenden Musik, die wie jede naturalistische Kunst auf genauer Analyse unserer Sinnlichkeit beruht.

Das Konzerthausorchester Berlin hat gleich zu Beginn dieses hierzulande kaum zu hörenden achtzigminütigen Stücks, im Wogen von Celli und Bratschen, in den figürlichen Einwürfen von Hörnern und Holzbläsern, eine ganze Welt entworfen: Wiesen, Wälder, Vögel, der Duft von Erde, Holz und heißen Körpern. Der junge Dirigent Pietari Inkinen verstand sich auf eine herrlich plastische Phrasierung, auf energische Raffungen und klare Schwerpunktsetzungen, die Bildung großer Kontrastflächen, die zugleich organisch angesteuert wurden. Dazu sang der umwerfende Yl-Männerchor aus Finnland wie ein Bataillon dröhnender Fagotte: stark, straff, sauber, mit zackiger Diktion.

Jorma Hynninen gab den Kullervo mit einem teerschwarzen Bariton voller Kraft und ruppiger Gier. Lilli Paasikivi leistete ihm zunächst knurrenden Widerstand wie eine finnische Wehrbäuerin und drohte mit knirschenden Konsonanten − „Rämäksi reen rekutan!“ −, Kullervos Schlitten zu zerhäckseln. Doch dann spannte sie das Riesenwindsegel ihres warmen Mezzosoprans auf zum Abschiedsgesang an Gras, Blumen und Preiselbeeren, um in den Tod zu gehen. Dazwischen lag Musik, in der Trompeten und Geigen lange vor Spannung zu bersten drohten, bis ein Beckenschlag das Orchester explodieren ließ und der Klang auf einer neuen Harmonie losflutete. Musikalisch war es ein Abend fesselnder klanglicher Erzählkunst mit völlig unromantischen, hoch riskanten Begriffen von Mensch und Natur.

Von Jan Brachmann
Berliner Zeitung, 16.3.2014